0

Quo vadis, Musikindustrie?

Ist es nicht eh ein fürchterliches Wort: Musikindustrie? Wo sind all die Idealisten, die mit Herzblut und Fanatismus dafür sorgen, dass gute Musik unter die Leute kommt? Obdachlos? Gut, vielleicht. Aber wo geht es hin? Was passiert, wenn kleine Labels schließen, tolle Portale wie Fabchannel dichtmachen – und den Großen der Branche nur so beknackte Dinge wie “SlotMusic” einfallen? Liegt in der Krise, wie alle sich immer wieder in einer endlosen Litanei vorzubeten suchen, auch eine Chance?

Die Antwort ist ein ganz klares: Vielleicht.

Schauen wir doch erst einmal, was in den letzten, sagen wir, zwanzig Jahren so alles passiert ist (Achtung: Ab hier wird’s arg vereinfachend – und ich will schon jetzt nicht ausschließen, dass es etwas polemisch werden könnte):

Die CD kam auf den Markt. Damit erhöhte sich die mögliche Laufzeit eines Albums auf mittlerweile etwa 74 Minuten. Vorher reichten einer Band pro Veröffentlichung 45 Minuten, um eine Langrille zu füllen (ihr wisst schon, das sind diese schwarzen, großen, runden Scheiben, die es jetzt wieder zu kaufen gibt). Die mussten es aber auch sein. Auf der Scheibe waren dann ein, zwei, drei richtig gute Songs versteckt, die das Label als zusätzlich als Singles auskoppeln konnte. Der Rest zeigte einen repräsentativen Querschnitt durch das Können der einzelnen Musiker und gab einen Einblick in die Komponierfähigkeiten. Will sagen: Der Rest war meistens gut, ab und an bestand ein Album aber auch aus zwei Singles und sechs langweiligen Lückenfüllern.

Mit Aufkommen der CD mussten nun dreißig Minuten mehr gefüllt werden. Spartenmusik hat es da nicht schwer. Jazzimprovisationen, handgemachte Rockmusik, Independentkünstler, all die Musiker, die mit ihrer Musik nicht nur stumpf unterhalten wollen, sondern etwas zu erzählen haben, freuen sich über den zusätzlichen Platz.

Für Mainstream-Acts, die vor allem vermarktet werden sollen, weil sie in einer der vielen Castingshows plötzlich zum Supermann ernannt worden sind, haben es da ungleich schwerer. Ein Konzeptalbum von Mark Medlock? Ein Opus von Thomas Godoj? 70 Minuten Sozialkritik von Queensberry? Nein, da ist es doch viel einfacher, ein paar Singles über iTunes, Musicload und Wie-sie-alle-heißen zu verticken. Aufs Album kommt dann die Single, die zweite, dritte und vierte, jeweils ein Remix, ein Radio-Edit und ein gesprochener Gruß an die Fans. Und ein Klingelton. Warum also noch Alben produzieren? Spätestens seit man Songs einzeln kaufen kann (und gefälligst auch soll) ist das Konzept des Albums überholt (das sieht übrigens auch Marketing-Guru Seth Godin so, und zwar hier und im ausführlichen Interview hier).

Was will man denn jetzt auch machen? USB-Sticks mit Musik füllen? Acht Gigabyte? 900 Minuten Konzeptalbum? Pink Floyd veröffentlichen “The Chinese Wall”? Funktioniert nicht. Man braucht kein ganzes Album mehr, um seine Musik zu verkaufen. Man braucht einige richtig gute Lieder, die ein Konzert füllen. Ob man die nun auf einem Longplayer veröffentlicht oder als Einzeldownload auf einem der Verkaufsportale, ist doch letztendlich egal. Spätestens seit dem Siegeszug des MP3-Formats sind physikalische Datenträger so überholt wie Kasstenrekorder. (Ja, ich weiß, es gibt wieder Vinyl im Laden, dein Opa hat noch ein Vorkriegstonbandabspielgerät in Gebrauch, alle lieben es möglichst Retro, aber hier geht es um die blökende Masse.)

Was aber passiert, wenn man diesen Gedanken weiterspinnt? Labels sind obsolet. Musik ist demokratisiert. In den Achtzigern und Neunzigern wurde in Funk und Fernsehen präsentiert, welche Musik man hören sollte. Stars wurden gemacht und wuchsen mit ihren Labels. Und umgekehrt. Es gab kein Internet, in dem man sich anderweitig informieren konnte, kein MySpace, wo unbekannte Kellerbands ihre musikalischen Ergüsse der Welt vorführen konnten. Kein YouTube, über das pickelige Pubertierende als vermarktbare Superstars entdeckt werden konnten. Seit Musik so omnipräsent durch das Netz zieht, ist es Musikkonzernen unmöglich, echte Stars zu machen. Es wird keine zweite Madonna geben. Keinen Prince. Keinen zweiten Michael Jackson. Das wissen auch die Musiker, die in den Neunzigern ihre großen Erfolge feierten. Das sieht man an dem aktuellen Reunionwahn (Faith No More, Rage Against The Machine, ich wette, Soundgarden kommen auch wieder). Wen haben wir heute? Popsternchen, die eine Saison gehypt und dann fallengelassen werden. Es werden keine Stars mehr aufgebaut. Weil sich niemand mehr an der Nase herumführen lässt.

Das bedeutet nicht, dass die Musikindustrie tot am Boden liegt. Musik wird es immer geben, es wird auch immer jemanden geben, der für Musik bezahlt. Das System aber ist tot. Musikvermarktung kann nicht mehr so funktionieren wie in den letzten dreißig Jahren. Es müssen neue Ideen her. Dazu reicht es aber nicht, idiotische Datenträger auf den Markt zu werfen und zu hoffen, dass die kaufkräftigen Kiddies jeden Scheiß erwerben. Das Copyright muss überarbeitet werden. Und all das muss an der Basis anfangen. Junge Bands müssen ein Konzept haben, das sie ihren Fans nahebringt. Und das ihnen Fans nahebringt. Da genügt es nicht, ihnen einen Superstar-Stempel aufzukleben und so zu tun, als seien sie auf dem Pop-Olymp angekommen.

Man wird nicht über Nacht zum Star. Nicht reich. Vermutlich nicht mal berühmt. Berüchtigt? Klar. Aber nachhaltigen Erfolg hat man als Musiker nur, wenn die Qualität stimmt. Und zumindest das war bei den Großen so: bei Madonna, Prince und auch Michael Jackson (Laufen schon Wetten, wie viele seiner angekündigten Konzerte er nun wirklich spielen wird?).

Bookmark and Share

Kommentar abgeben

Copyright © 2010 — .:snext_blog:. | Site design by Trevor Fitzgerald