Feb
2010
iPad: Wohl und Wehe für Medienhäuser
Beiträge, die mit “Eigentlich …” beginnen, lese ich ungern. Das klingt meistens, als sei sich der/die Autor/in seiner/ihrer Sache nicht sicher. Da nun aber der erste Satz raus ist, kann ich mich gefahrlos aufs Eis begeben.
Eigentlich nämlich wollte ich nichts zum iPad schreiben. Ich bin kein Apple-Fanboy und stehe den Jungs aus Cupertino eher abweisend gegenüber. Ich finde das Preis-Leistungs-Verhältnis hier in Deutschland zu unausgewogen; ich mag die Gängelung via iTunes nicht (Warum sollte ich nicht auf allen Endgeräten unterschiedliche Playlists haben dürfen?); ich mag die evangelikalen Apple-Jünger nicht; das Aussehen meiner Hardware ist mir relativ schnuppe, so lange alles funktioniert (Hey, ich hatte jahrelang ‘nen Werbegeschenk-mp3-Player mit Walt-Disney-Logo drauf!).
Aber ich kann auch verstehen, warum Apple so viele Gläubige hat: Bei Berührungsängsten mit Computern kann man jemanden an eine Apple-Kiste setzen, und er/sie kann damit irgendwas anfangen. Meistens. (Wenn ich jetzt schreibe, dass ich es in der Redaktion, in der ich regelmäßig Dienst tue, anders erlebe, wird mir das eh nur wieder als Polemik ausgelegt.) Apple-Produkte sehen schick aus, sie fassen sich gut an, sie vermitteln Lifestyle und dienen als Statussymbol. Und sie werden hochstilisiert.
Jüngst ja geschehen mit dem iPad, das als Heilsbringer für die Medienbranche und Buchverlage gefeiert wird.
Doch was ist dran am Mythos iPad?
Technische Details lasse ich außen vor, die interessieren den Apple-Endnutzer eh nicht. Reduzieren wir es also auf das, was es ist: ein großes iPhone mit ein paar mehr Möglichkeiten. Und wer ehrlich ist, wird sehen, dass es genau das ist. Apple hat keine Lücke geschlossen, sondern geschickterweise einen Keil in ein Produktsortiment getrieben, und sich somit die Nische erst geschaffen. Dass Apples PR-Strategie der kleinen, geschickt gestreuten Informationshäppchen genial funktioniert hat, steht außer Frage. Auch ich habe Steve Jobs’ Keynote am Liveticker verfolgt, gespannt auf die bevorstehende Großartigkeit.
Was bringt mir nun das iPad?
Zunächst mal macht es mich mobil(er). Ich muss nicht mehr mit dem kleinen Display meines Smartphones Vorlieb nehmen, sondern kann auf einen Bildschirm in Netbook-Auflösung zurückgreifen. Ich kann meine iPhone-Apps nutzen. (Gut, ich kann das nicht, weil ich kein iPhone habe, aber ich könnte, wenn ich eins hätte.) Ich kann, wenn ich denn die Edel-Variante des Tabletts wähle, überall online gehen. Ich kann via iWork meinen Kunden meine vorbereiteten Präsentationen zeigen, ohne erst umständlich mein Notebook hochfahren zu müssen (abgesehen davon, dass man es in solchen Fällen selbstverständlich nur simpel aus dem Stand-by-Betrieb wecken sollte). Ich kann recht komfortabel Bücher lesen. Belletristik vielleicht nicht unbedingt, aber es hat seinen Reiz, eine umfassende Fachbibliothek platzsparend mit sich herum zu tragen.
Publisher wiederum können mit ihrer eigenen App ihre Inhalte zur Verfügung stellen. Vermutlich erhalten sie sogar eine ganz gute Rückmeldung über die Nutzung und können so weiter an ihren Inhalten arbeiten.
Was mich am iPad stört
Der größte Kritikpunkt ist für mich die (noch?) fehlende Flash-Unterstützung. Ja, ich weiß, Flash ist der Teufel, HTML5 macht es obsolet etc., etc. Ganz ehrlich? Interessiert mich nicht. Fakt ist, dass ich JETZT einen Großteil der vorhandenen Webangebote nicht nutzen kann. Ich werde als User gezwungen, weitere Apps zu installieren. Und es wird noch eine ganze Weile dauern, bis Websites auf HTML5 umgesattelt haben werden. (Page hat zum Beispiel gerade einen Relaunch hinter sich. Das Flash-Menü ist jetzt nicht sonderlich geschickt, aber im Brwoser funktioniert’s.)
Zudem fehlt dem Tablett eine echte Tastatur. Gut, das ist in den Geräten eh nicht angelegt, ist also kein Apple-spezifischer Kritikpunkt, stört mich aber trotzdem. Ich bin Vieltipper und brauche die Rückmeldung der Tasten, dass ich sie gedrückt habe (deshalb habe ich auch ein G1 und kein iPhone).
Das Unheil für Verlage
Was aber viel schlimmer ist: Apple zwingt Verleger, eigene Apps für seine Endgeräte zu entwickeln, von denen in erster Linie Apple selbst profitiert. Ansonsten kommen ja zum Beispiel Bild-Leser gar nicht in den ganzen Genuss der multimedialen Inhalte. Dem können Apple-Fans beliebig heftig entgegenhalten, dass es diese Apps ja auch kostenlos gibt, dass die alle ganz toll sind undsoweiterundsofort. Fakt ist: Publisher und User werden in ihrer freien Wahl beschnitten. Und als Open-Source-Fan mag ich das überhaupt nicht.
Und jetzt noch mal ohne Polemik-Brille: Mein Traum
Der Tablet-PC ist nicht neu. Apple öffnet dem Format die Türen. Das ist gut. In Zukunft werden andere Anbieter nachziehen und weitere Tablets produzieren. Das ist noch besser. Am schönsten wäre es allerdings, wenn sich Geräte übergreifende Standards etablierten, die es Verlagen und Medienhäusern ermöglichten, mit einem Programm möglichst viele Nutzer zu erreichen. Aber das ist leider mit Apple (im Moment) nicht machbar.
Nachtrag
Wie hier und hier zu lesen ist, schlägt das iPad bereits jetzt hohe Wellen. Apple bietet US-amerikanischen Verlegern freie Preisgestaltung für e-Books an. Was zunächst gut klingt, hat zwei Haken: Erstens verdienen Verlage trotz eigener Preise weniger als beispielsweise über amazon.com (wie genau das geht, steht in den verlinkten Artikeln). Und zweitens geht es den Endkunden, also uns, an die Börsen, weil die Apple-iBooks mutmaßlich drei bis fünf Dollar teurer werden sollen als ihre Vorgänger bei amazon. Amazon hat den ersten Verlag aus seinem Programm gekickt.
Update
Amazon bietet Macmillan-Bücher wieder an. Teurer. Quelle.
